Über 100 Jahre Kino in Biberach – Über 100 Jahre Film

Über 100 Jahre Kino in Biberach – Über 100 Jahre Film –
Die Leidenschaft zur Astronomie
Auch die Geschichte einer Familie

Mein Großvater mütterlichseits, Gottlob Friedrich Erpff, wurde am 3.Oktober 1877 in Schwäbisch Gmünd als Sohn eines Färbermeisters geboren. Zum Nachfolger des väterlichen Betriebs bestimmt, absolvierte er von 1893 bis 1895 eine Lehrzeit als Färber im väterlichen Geschäft, arbeitete als Färbergehilfe in Leutershausen-Ansbach bis zur Meisterprüfung 1897 und trat am 1.Oktober 1897 seinen Militärdienst beim Jnfanterie - Regiment 123 in Ulm an. Nach dem Tod des Vaters noch im Dezember des gleichen Jahres wurde er vom Militärdienst entlassen, um dessen Geschäft weiterführen zu können.
 


Anton Kutter 1925

Im Jahre 1906 heiratete er seine Frau Louise, aus welcher Ehe eine Tochter namens Else im Jahre 1907 hervorging. 1907 errichtete er in Schwäbisch Gmünd eine Fabrik für Dampfwäscherei, Färberei und chemische Reinigung, die er bis 1911 mit großem Erfolg führte. Eine in diesem Jahr ausbrechende schwere Erkrankung, die nach dem Urteil der Ärzte auf berufsbedingte Vergiftungserscheinungen zurückzuführen waren, zwang ihn, seinen Beruf als Färbermeister aufzugeben. Da er schon seit einiger Zeit an verschiedenen Lichtspieltheaterunternehmungen ( Stuttgart, Göppingen, Ravensburg, Friedrichshafen ) beteiligt war, verkaufte er seine Fabrik und erwarb 1912 den „Eden- Kinematographen“ in der Biberacher Viehmarktstrasse im Nebengebäude des „Hotel Krone“. Im Obergeschoß war der Festsaal des Hotels und darunter früher die ehemaligen Stallungen und Remisenstände für die Hotelgäste. Hier baute er ein richtiges Kino für etwa 200 Plätze ein und erweiterte es bereits 1915 auf 300 Plätze, was beim großen Zuspruch seitens der Biberacher Bevölkerung schnell wieder zu klein war. So konnte er 1925 durch einen Vertrag mit der Stadtverwaltung im Stadttheater Biberach die „Stadttheaterlichtspiele“ eröffnen. Hier wurde bevorzugt an Samstagen und Sonntagen gespielt. Am 1.Weltkrieg nahm mein Großvater fast 2 Jahre teil und kehrte nach einer schweren Verwundung zurück. Während dieser Zeit trug meine Großmutter Luise allein die Verantwortung für das Kino.
Liefen in der Frühzeit ab 1912 nur rund 1 ½ stündige Programme, zusammengestellt aus verschiedenen kurzen Filmen
kamen erst gegen 1920 die ersten langen Filme in die Kinos. Dazu spielte ein Fünfmann-Orchester an bestimmten Tagen.
Großmutter Luise Erpff war eine herzensgute Frau und schnell bekannt und beliebt in der ganzen Stadt. Kino war vor allem für die Jugend eine sehr begehrenswerte Attraktion und manches Kind, welches kein oder zuwenig Geld hatte, durfte mal umsonst die bewegten Bilder geniessen.
Luise Erpff saß immer selbst im Kassenhäuschen und verkaufte die Kinokarten.
Recht oft stand Töchterchen Else daneben, ein sehr hübsches Mädchen mit langen schwarzen Haaren. Klar, dass die Knaben und jungen Männer Stielaugen machten…
Auch ein gewisser Anton Kutter, geboren 1903 im Kleeblatthaus am Marktplatz als Sohn des Kaufmanns Viktor Kutter, verguckte sich in die schöne Else, verabredete sich mit ihr zum Spielen auf dem Marktplatz. Antons Interesse galt aber auch dem Sternenhimmel und vor allem dem Mond. Bereits als 12jähriger bastelte er aus Brillengläsern und einem Spielzeug - Kinematographen einen Refraktor, mit dem er auf dem Dachboden des Kleeblatthauses den Nachthimmel beobachtete. Als häufigem Besucher des Lichtspielhauses – nicht nur wegen Else – galt sein zweites großes Interesse natürlich dem Medium Film. So bastelte er bereits mit 10 Jahren aus Ersatzteilen seine erste Filmkamera und stieg als 15jähriger selbst ins Filmgeschäft ein. In seiner ersten Regiearbeit verfilmte er „Tom Sawyer“ und Jugendgespielin Else, gerade 11 Jahre jung, bekam die weibliche Hauptrolle der Becky. Die Verbindung zwischen Anton und Else sollte über deren Schulzeit und das Heranwachsen halten, trotz zeitweiser Trennung. Else machte ihr Abitur in Friedrichshafen und Anton in Ravensburg. Biberach konnte damals dieses nicht bieten. Else kam 1923 nach Biberach zurück, half in Betrieb und Haushalt und spielte auch im „Dramatischen Verein“ in verschiedenen Stücken mit. Anton studierte ab 1922 Maschinenbau an der TH in Stuttgart mit dem akademischen Abschluß als Diplom-Ingenieur. Auch als Student befasste er sich mit Astronomie und war 1923 bis 1925 Assistent an der Volkssternwarte Stuttgart. Nach Abschluss des Studiums bekam er 1926 seine erste Anstellung beim Phototechnischen Labor Epkems in Köln, um schon
nach einem halben Jahr zur Filmproduktion Arthur Böhm-Film in Köln zu wechseln. Bei dieser drehte er seine ersten drei professionellen Filme, darunter den in Biberach produzierten Wieland – Film „Sterbende Romantik“. In den Hauptrollen spielten ausschließlich Mitglieder des „Dramatischen Vereins“ Biberach mit Heinrich Sembinelli, Gustav Lumpp als Wieland und natürlich Else Erpff als Sophie Gutermann (später La Roche).
1927 ging Anton auf Einladung des französischen Filmproduzenten Petitjean ein Jahr nach Paris, wo er vier Experimentalfilme drehte.


Stuttgart 1926

1928 bekam er von Generaldirektor Adolf Pirrung den Auftrag drei Filme für die O.E.W., die „Oberschwäbischen Elektrizitätswerke“ zu drehen:
Die Langzeitbeobachtung „Großkraft der Berge“ (1926 bis 1930 ) über den Bau des Vermunt – Wasserkraftwerkes im Montafon. Dann 1928 „Licht und Kraft“ über sämtliche Kraftwerke der O.E.W. an Iller und Donau sowie dem Kohle – Dampfkraftwerk in Ulm-Donautal. Und schließlich 1929 „Kuriert“, ein heiterer Werbe- Spielfilm um einen störrischen Bauern, der durch seinen Sohn, dessen zukünftige Frau und deren erfolgreichen Vater
( der Bauer in der Nachbarschaft ) zur Einführung der Elektrizität auf seinem Hof mit List und Tücke „überredet“ wird.
1931 folgte Anton Kutter dem Ruf zur EMELKA, dem großen Filmstudio in München-Geiselgasteig ( später BAVARIA ), um dort Regie für Dokumentarfilme und Spielfilme zu führen und Drehbücher zu schreiben.
Die beiden ersten Filme „Rhythmus der Welt“(1931) und „Mondlicht“(1932) waren so erfolgreich, dass er als Drehbuchautor und Regisseur für den ersten Schweizer Tonfilm „Der goldene Gletscher“ als Deutsch - Schweizer Co-Produktion ausgewählt wurde. ( 1932 ). Nach dessen großem Erfolg in Deutschland, der Schweiz und Österreich drehte er auch den zweiten Schweizer Tonfilm „Die weiße Majestät“, ebenfalls im Berner Oberland 1933. Dieser Film wurde parallel auch in einer französischen Sprachversion mit teilweise französischen Darstellern gedreht: „Un de la montagne“. Auch für diese Fassung war Anton Kutter verantwortlich, zusammen mit dem französischen Co-Regisseur Serge Polignac. Anton nahm seine geliebte Else bereits 1931 aus Biberach mit nach München und während der Dreharbeiten in der Schweiz heirateten die beiden im Juni 1933 in Bern. Als glühender Gegner des Nationalsozialismus machte er während den Filmarbeiten keinen Hehl draus und wurde von dem Schauspieler Carl de Vogt an den Reichsminister für Propaganda, Dr. Joseph Goebbels, verraten. So konnte er ein drittes Schweizer Filmprojekt nicht mehr antreten, wurde nach München zurückbeordert und mit einem Berufsverbot belegt. Wegen des großen Erfolges seiner Filme und zwei Goldmedaillen bei den Filmfestspielen in Venedig, wurde das Berufsverbot nach einem Jahr in Spielfilmverbot umgewandelt. So baute Anton Kutter in den Jahren 1936 bis 1945 die Kulturfilmabteilung und die große Tricktechnische Abteilung in den Bavaria Filmstudios München- Geiselgasteig auf. Sein größter Erfolg war der erste deutsche Science – Fiction – Film „Weltraumschiff 1 startet“.
Während dem einjährigen Berufsverbot konnte er sich verschärft seinem großen Hobby Astronomie wieder widmen und baute im Münchner
Stadtteil Pullach im Garten des befreundeten Astronomen Professor Anton Stauss mit diesem eine Sternwarte auf, was zur Entwicklung des später legendären „Schiefspiegler“ oder „Kutter – Teleskop“ in den Jahren 1936 bis 1939 führte. Die Sternwarte ziert bis heute den Kinokomplex in Biberach.
1937 kam in München Kutters erster Sohn Claus zu Welt, im Februar 1943 Sohn Adrian. Im Herbst des gleichen Jahres fiel unsere Wohnung in München einem Bombenangriff zum Opfer und so bekamen Else und die beiden Kinder Unterschlupf bei Großvater Gottlob Erpff in Biberach.
Anton Kutter fand Unterkunft bei seinem astronomischen Freund Stauss in Pullach bis bei Kriegsende die Filmstudios in Geiselgasteig geschlossen wurden und er auch zur Familie in Biberach stieß.

In Biberach passierte in Sachen Kino bei Großvater Erpff inzwischen Folgendes:
Trotz dem vergrößerten Lichtspielhaus und der zweiten Spielstätte im Stadttheater reichten die Sitzplätze bei dem großen Zuspruch der Biberacher Bevölkerung nicht mehr aus, dies umso mehr, als Ende 1930 im Stadttheater und im Januar 1931 im Lichtspielhaus der Tonfilm seinen Einzug hielt.
Gottlob Erpff suchte, nachdem eine weitere Vergrößerung des Lichtspielhauses unmöglich war, nach einem Standort für den Einbau oder Bau eines großen Kinos mit mindestens 600 Plätzen. Letztlich konnte er ein Teil des Grundstücks der Holzfabrik Schmitt in der Waldseerstrasse 3 käuflich erwerben. Nach der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933 wurden Film und Kino schon bald in den Dienst des Regimes gestellt und als Mittel des Kampfes „um die Durchsetzung nationalsozialistischen Gedankengutes“ verstanden. Die Reichsfilmkammer regierte von der Auswahl der Filme bis in die Verwaltung der Kinos hinein. Um weiter die Lizenz zum Kinobetrieb behalten zu können und die Baugenehmigung für das neue große Kino an der Waldseerstrasse zu erhalten, sah sich Gottlob Erpff gezwungen, in die NSDAP einzutreten. So konnte 1939 mit dem Kinoneubau begonnen werden. Als kaum aktives Parteimitglied sah er sich massiven Repressalien, vor allem auch seitens der Reichsfilmkammer, bei der Zuteilung der notwendigen Baumaterialien ausgesetzt und so konnte die Eröffnung des „Filmtheater Biberach“ ( 650 Plätze ) erst zwei Jahre später, am 24.Oktober 1941 mit dem Film „Annelie“ erfolgen. Das Lichtspielhaus in der Viehmarktstrasse wurde nun geschlossen, der Betrieb parallel in den Stadttheater-Lichtspielen ging aber weiter.


Kino - observatorium Biberach

Nach dem Einmarsch der französischen Truppen 1945 in Biberach, bekam Gottlob Erpff zwar schon nach wenigen Wochen die Erlaubnis zum Spielbetrieb für „Filmtheater“ und Stadttheater-Lichtspiele, musste aber für wöchentlich mehrere Tage das Filmtheater für Vorführungen von französischen Filmen für die Besatzungstruppen freistellen. Aus Altersgründen wollte Gottlob Erpff den Kinobetrieb an seinen Schwiegersohn Anton Kutter weitergeben. Die französische Militärregierung stellte aber Mitte 1946 das Filmtheater unter Sequester -Verwaltung unter Leitung von Norbert Nusser, so dass Anton Kutter erst im April 1949 die Leitung des Kinos übernehmen konnte.
Was nach dem grauenhaften 2.Weltkrieg und einem zerstörten und jetzt von alliierten Truppen besetzten Deutschland niemand ahnen konnte, so auch eine Wiederaufnahme von Filmproduktion, geschah aber doch erstaunlich schnell. Anton Kutter bekam als einer der ersten im Land schon 1948 die Genehmigung zum Drehen eines kurzen Dokumentarfilmes: „10 Bauern unter einem Hut“, der im Ummendorfer Ortsteil Häusern über ein beispielhaftes landwirtschaftliches Modell entstand. Und 1949 bekam er von der Musikgemeinde Altötting den Auftrag, einen langen historischen Spielfilm über die Geschichte des Wallfahrtsortes zu drehen: „Unsere liebe Frau“. Ein Film, der 1950 seine Uraufführung erlebte und in einem speziell für diesen Film gebauten Kino nach über 62 Jahren immer noch täglich für die Pilger dort gezeigt wird. Angeblich haben den Film schon weit mehr als 50 Millionen Menschen gesehen. Ein einsamer Besucherrekord für Filme in Deutschland. In den folgenden Jahren bis 1955 drehte mein Vater noch vier weitere Spielfilme in Österreich, sein letzter und größter Erfolg „Das Lied von Kaprun“. Ein dramatischer Spielfilm, welcher während der Bauzeit des Großglockner Wasserkraftwerkes Kaprun mit internationalen Stars entstand. Während der Jahre 1949 bis 1955 übernahm meine Mutter Else während den filmischen Abwesenheiten meines Vaters die Leitung des „Filmtheaters“, das mein Vater nach seinem letzten Film 1955 mit dem Neubau des „Urania“-Kinos als zweite Spielstätte erweiterte.


Kino - museum Biberach/riss

Anton Kutter beschränkte sich jetzt nur noch mit der Leitung der beiden Kinos und widmete sich sehr intensiv seinen astronomischen Studien.
Ich selbst (Adrian Kutter) kam 1972 aus dem Studium der Betriebswirtschaftslehre aus Mannheim zurück, übernahm die Leitung der Kinobetriebe, baute noch zwei weitere kleine Kinos. Dabei entstand im März 1978 das legendäre Programmkino „Sternchen“, was auch zur Heimstätte der im Dezember 1979 von mir gegründeten „Biberacher Filmfestspiele“ wurde, welche in diesem Jahr 2016 zum 38.mal unter meiner Intendanz stattfinden konnte.
Im Jahre 2005 erweiterte ich den Kinokomplex an der Waldseerstrasse mit Neu- und Umbau um ein großes Foyer und 4 weitere große Kinosäle zum
„Sternenpalast“, den ich Ende 2007 altersbedingt an den Kinobetreiber Lochmann aus Rudersberg verkaufte. Selbst leite ich weiterhin die Filmfestspiele und das „Film- und Kinomuseum Baden- Württemberg e.V.“, das ich in den Kinokomplex „Sternenpalast“ einbauen konnte.

Über 100 Jahre Kino in Biberach und über 100 Jahre eine Familiengeschichte im Dienste und aus Liebe zu Kino, Film und Astronomie.

Programm and register 'Biberach 2018 '
like Anton Kutter on Facebook